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Kurzbericht zur Tagung Rassismus und Männlichkeiten

Ein Kurzbericht zur Tagung am 7. November 2015 in Berlin
Von Ferdinand Kriesche

Über 70 Teilnehmer_Innen versammelten sich am 07. November in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung zur Tagung „Männlichkeit und Rassismus“. Die Tagung, auf Initiative des Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse ins Leben gerufen, zielte darauf, das Zusammenwirken von Rassismus, rassistische Zuschreibungen und Geschlecht mit dem Fokus auf Männlichkeiten zu bearbeiten.
Die jüngsten Reaktionen aus Teilen des bürgerlichen Sektors auf die Flüchtlingskrise bewiesen dabei nur die Aktualität des Themas. Nur wenige hundert Meter entfernt schürte die AfD bei Ihrer Demonstration erneut die Angst vor den Bildern männlicher religiös-fanatischer Invasoren. Diese Hetze ignoriert Woche für Woche, dass sie die Probleme erst heraufbeschwört, die sie anderen zum Vorwurf macht. Denn wenn Vorurteile und Hass gegen Minderheiten regieren, ist dies nicht nur ein Raub ihrer Rechte auf ein Leben in Sicherheit. Es ist auch ein Raub an ihrer Chance zu einer freien Entfaltung von Persönlichkeiten, zur Teilnahme an dieser Gesellschaft und es ist ein Raub eben an dieser Gesellschaft, der dadurch treue Freunde, liebende Väter und vielfältige wertvolle Männer vorenthalten werden.

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Der gemeinsamen Veranstaltung des Forum Männer, des bundesweiten Netzwerk Männlichkeiten, Migration, Mehrfachzugehörigkeit e.V., des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften e.V., der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD Bund e.V.) und des Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung gingen dabei eine intensive gemeinsame Planung und Abstimmung voraus. Es ist der Geduld und Entschlossenheit aller Beteiligten zu verdanken, dass immer wieder Wege und Kompromisse gefunden werden konnten, um die Veranstaltung mit ihren vielfältigen Themenworkshops umzusetzen.

Der Einstieg in die Veranstaltung stellte dieses Mal kein klassischer Vortrag, sondern ein szenisches Spiel dar. Darin verweigerte sich Özcan Karadeniz vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften e.V. nach einem kurzen Einstieg der andauernden Rolle des „Vorzeigetürken“ und stattdessen übernahm ein mehrheitsdeutsches Mitglied der Tagung unter seiner Anleitung die Rolle. Unter Özcans Anleitung und Korrektur erzählte er von der besonderen Beaufsichtigung von Lehrer_Innen und Polizist_Innen oder davon, dass der Verzicht auf Schweinefleisch in der Öffentlichkeit sehr viel leichter falle, wenn man einfach direkt Vegetarier sei. Doch das zunächst launige Spiel wurde zusehends ernster, als sich andere Akteure als Vertreter der Mehrheitsgesellschaft hinzugesellten, ihn immer wieder mit ihren Bildern und Vorstellungen konfrontierten und keinen Widerspruch zu ihren Bildern erdulden wollten. Die Erfahrung unseres freundlichen Ersatzmannes: Man kann aus seiner „Migrantenrolle“ nicht einfach aussteigen, wie aus einer U-Bahn.20151107_180331 (772x800)
In der folgenden halben Stunde fanden sich die Teilnehmer_Innen nach eigener Wahl in kleinen Murmelgruppen zusammen, um dort Gedanken und Erkenntnisse zu einigen Stichwörtern aus dem Spiel auszutauschen. Fast alle Plakate wurden fleißig ergänzt, beschriftet und erweitert. Die anschließenden Workshops boten – unterbrochen von einem Mittagessen – den ganzen Tag über die Beschäftigung mit einem Thema an. Das Konzept der Veranstalter nur die Wahl eines Workshops über den ganzen Tag zuzulassen, so dass eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema möglich war, fand dabei sehr großen Anklang.

 

Im Workshop „Alltäglicher Rassismus in Schulbüchern / Bildungsmedien: Männlichkeit als Teil des Problems?“ von Prof. Dr. Harry Friebel (Universität Hamburg) und Dr. Inga Niehaus (Georg-Eckert-Institut-Leibnitz-Institut für internationale Schulbuchforschung) warfen die Teilnehmer_Innen einen Blick in moderne Schulbücher. Dort fällt auf, dass auch moderne Schulbücher Migration meistens als Problem einer an sich homogenen Gesellschaft thematisieren. Dies steht in einem starken Kontrast zur Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, von denen inzwischen über ein Drittel in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund hat.
Wie kann jungensensible Jugendarbeit einen Beitrag zu einer antirassistischen Männerpolitik leisten? Dieser Frage ging der Workshop „Transkulturelle Jungenarbeit – wie Rassismus/Antisemitismus mit männlichen Jugendlichen“ angemessen bearbeitet werden kann“ nach, in dem Olaf Jantz (mannigfaltig e.V.) verschiedene Ansätze aus der Praxis vorstellte, in denen Jungen sich mit eigenen Erfahrungen und Stereotypen auseinander setzen können.© Forum Männer

Im Workshop „Intersektionelle Diskriminierungsverhältnisse und Soziale Arbeit“ mit Prof. Dr. Susanne Spindler (Hochschule Darmstadt) beschäftigten sich die Teilnehmer_Innen mit der Situation von professionellen Sozialarbeiter_Innen und deren Umgang mit Marginalisierung von jungen männlichen Migranten im Kontext mit Geschlechtlichkeit. Behandelt wurde dies sowohl unter den Gesichtspunkten der eigenen Rollenkonstruktion, des Umgangs mit diesen Gruppen und der (Nicht-)Bearbeitung dieser Themen im kollegialen Miteinander.

Die Rolle von Sozialarbeiter_Innen nahm auch im Workshop „Perspektiven auf Väter mit Migrationsgeschichte“ von Johannes Strohmeier (Leiter einer psychologischen Beratungsstelle für Männer, Frankfurt a.M.) und Özcan Karadeniz einen hohen Stellenwert ein. In institutionellen Kontexten schlagen Migranten und insbesondere Vätern immer wieder Vorurteile entgegen, die zu unterschiedlicher Bewertung und Behandlung von Vätern führen und nicht selten auch in verschärften Konsequenzen gegenüber ihnen und ihren Familien münden. In Trennungs- oder Sorgerechtsstreitigkeiten zwischen „People of Color“ (PoC) Vätern und mehrheitsdeutschen Frauen werden ethnische Machtgefälle für Männer oft besonders spürbar, aber kaum benannt.
Angesichts der hohen Flüchtlingszahlen kommt es auch für diejenigen unter uns, die sich als freiwillige Helfer_Innen betätigen zu einem „Spagat zwischen Mitgefühl und Verunsicherung“, so Andreas Haase (Gestalttherapeut, Coach & Männerarbeiter). In diesem Workshop wurden Erfahrungen aus der praktischen Flüchtlingsarbeit insb. in Unterkünften in Zusammenhang mit Rassismus- und Sexismus-Debatten gestellt und Lösungswege für die praktische Arbeit gesucht.

„National und patriarchal“ diese beiden Schlagwörter beschreiben die breite Palette diverser gesellschaftlich rechter Einflusskräfte. Der Workshop von Robert Claus (Leibniz Universität Hannover) analysierte die mediale Selbstdarstellung diverser Vereine und Parteien im Hinblick auf Geschlecht und Rassismus. Die Inszenierung erfolgte dabei in einem sehr klaren und einfachen Schema der völkisch homogenen Kleinfamilie, die von Gendermainstreaming und Zuwanderung bedroht wird.
Der Frage welchen Schwierigkeiten schwarze und PoC-Jungen heutzutage (immer noch) unterworfen sind, stellten sich die Teilnehmer von Carl Camurças (Initiative Schwarze Menschen in Deutschland) Workshop „Identitätsausbildung bei Schwarzen und PoC Jungs“. Über die Schwierigkeiten für Jungen heutzutage ihre Geschlechterrolle auszubilden herrscht weitgehende Einigkeit. Für viele Jungen steht diese Herausforderung aber unter der zusätzlichen Herausforderung durch rassistische Alltagskonstrukte, die ihnen spezifische oft destruktive Vorstellungen von Männlichkeit nahe bringen.© Forum Männer

Den Abschluss dieser sehr intensiven Workshops bildete eine gemeinsame Diskussionsrunde mit den Leiter_Innen der Workshops und den Teilnehmer_Innen der Tagung. Die Verwebung von Männlichkeit(skritik) und Rassismus(kritik) war im Laufe des Tages aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet worden. Am Ende der Tagung blieb die Erkenntnis, heute die ersten Schritte auf einem potentiell noch langen Weg gemacht zu haben. Den weiteren Weg, in Form einer Folgeveranstaltung, gemeinsamer Statements und Initiativen, wollen wir dabei gerne zusammen weiter gehen.

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